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Vortrag von Matthias Kirschner in den Räumen von CCC Hamburg und Attraktor
e.V. Hamburg am 15. Dezember 2010
"Demokratie braucht Freiheit"
Vorbemerkung: Dieser Text ist ein Resultat eines
Vortrags aber auch einer Diskussion. Dergestalt, dass ich einen
spontanen Bericht geschrieben habe der von von Matthias Kirschner mit
Anmerkungen und Berichtigungen versehen wurde. Die
erste Formatierung sowie einige Berichtigungen sind von Martin Schotte
Die Anfügungen von Matthias sind in kursiv wiedergegeben.
Mit „Demokratie braucht Freiheit“ ist insbesondere die Freiheit von
Software gemeint. Als Aufhänger wurde das Bild einer handschriftliche
Bibel als Folie an der Wand gezeigt so wie der Rest des Vortrags mit
Folien begleitet wurde. Wie man leicht erkennen konnte war es offenbar
eine Vulgata. Die lateinische Bibel, die zu ihrer Zeit nur
privilegierte lesen konnten. Einerseits weil überhaupt nur wenige
lesen konnte und andererseits da nur einige den bis in die moderne
Neuzeit wirkenden Sprachzaun des Lateinischen beherrschten. Immer
schon waren bestimmte Kulturtechniken ein Schlüssel zum Wissen und
Wissen war gleichbedeutend mit Macht. Heute in der Digitalen Welt
wirken die Regeln der Software ebenso dahingehend. Indem wir Software
nutzen geben wir Macht ab.
Der letzte Satz ist nicht so ganz was ich gesagt habe. Wir geben
Macht ab, wenn wir keine Kontrolle über die Software haben. Alleine
die Nutzung von Software macht uns erst einmal mächtiger, weil wir ja
ein mächtiges Werkzeug zur Verfügung haben.
Genau dies wurde von Richard Stallman und seinen Mitstreitern schon
früh erkannt. Anfangs belächelt, setzten sie sich jedoch mit ihrer
offenen und freie Software, wie heute allgemein anerkannt und zum
Ärger der Softwareindustrie durch.
Die Software-Unternehmen ärgern sich nicht drüber. Das sind nur ein
paar unfreie Software Unternehmen. Viele Unternehmen freuen sich über
Freie Software und schreiben diese mittlerweile selbst.
Durch diese Grundlagen entstand das heute im Serverbereich weithin
eingesetzte Betriebssystem Linux.
Wir nennen das Betriebssystem immer GNU/Linux, weil Linux nur der
Kernel ist und GNU der Anfang der Bewegung war. GNU/Linux ist heute
auch kein Serverbetriebssystem mehr: Bestes Beispiel sind
Mobiltelefone.
Beinahe jedes Unternehmen, dass überhaupt EDV nutzt, setzt heute
freie Software ein.
Jedes Unternehmen hat heute Freie Software. Es gibt kein Unternehmen
mehr, bei dem das nicht der Fall ist. Da bin ich mir sehr sicher.
Freie Software bringt so in die sozialen Beziehungen technischer
Anwendung ein Liberalismus wie er schon von Montesquieu und Locke
vertreten wurde, mit der Gewaltenteilung und damit die interaktive
Kontrolle der gegenseitigen Wahrung von Freiheiten.
Oft aber wird freie Software nur darauf reduziert, dass sie kostenlos
zu haben sei. Für den Privatanwender ist dies zum Teil richtig, nicht
jedoch für die vielfältige kommerzielle Nutzung. Bleiben doch dabei
die Anpassung und Einrichtung der individueller Nutzung sowie auch die
Wartung und Pflege unberücksichtigt. Deren Kosten können erheblich
sein.
Eine Gegenüberstellung zwischen. den sozialen Wertvorstellungen macht
dies insbesondere auch bei den wirtschaftlichen Auswirkungen
deutlich:
| Unfreie Software |
| Freie Software |
| • | Der Hersteller bestimmt |
• | ist für alle anwendbar |
| • | Er kann die Lizenz entziehen |
• | Jeder kann sie nutzen solange er will |
| • | Abhängigkeiten entstehen |
• | Bietet alle Freiheit auch die
freie Veränderung für individuelle Zwecke und allgemeine Verbesserung |
| • | Anbieterwechsel werden sehr Aufwendig bis unmöglich |
• | Es gibt stets mehrere Anbieter die auf gleicher Basis aufsetzen für selbst gesetzte Zwecke |
Die Entwicklung der Freien Software zum heutigen Stand verlief etwa so:
Die Freie Software rund um Linux hatte auch vielfältige politische Folgen:
- Es gab Koalitionverträge zur Regierungsbildung
Der derzeitige Koalitionsvertrag in dem das vorkommt war zwischen CDU
und FDP. Schau mal
auf http://blogs.fsfe.org/mk/
nach dem Artikel "IT-Planungsrat soll auf Marktstandards abstellen. Aber Was sind
Marktstandards?" dort findest du hinweise zum Koalitionsvertrag.
zwischen SPD und Grüne in denen es Programm war Freie Software zu
fördern. ZB. zur Bundestagsverwaltung.
- In Parteiprogrammen wurde Freie Software eine Forderung
Dazu gibts was in "Freie Software jetzt im Parteiprogramm der
Piratenpartei" und "Will die Piratenpartei Freie Software?".
- In der letzten Bundestagswahl trat nach dem Einzug ins schwedische
Parlament die Piratenpartei in Deutschland an.
Schau dir mal
http://www.fsfe.org/projects/btw09
an. Das meinte ich mit der Bundestagswahl.
- Auch in Landtagen wurde und wird der Einzug Freier Software in die
Verwaltung diskutiert.
Dazu meinte ich den Artikel auf
http://blogs.fsfe.org/mk/ "Was Sachsens
Staatsregierung gegen Freie Software hat" (leider gerade für alles keine
Links, weil ich nicht online bin).
Ein gutes Beispiel der Veränderung des Software-Angebots zeigt der
PDF-Reader. Vordem wurde durchgängig auf jeder Seite die PDF-Dokumente
anbot auch auf den dazu benötigte Reader von Adobe hingewiesen. Dies änderte
sich nach dem Hinweis von derlei Schleichwerbung insbesondere auf
öffentlichen Seiten von Gemeinde und Städten. Man fügt alternative
Links für freie PDF-Reader hinzu oder verweist ausdrücklich auf deren
Eigenschaft als unfreie Software. Beispiele sind:
http://www.fsfe.org/campaigns/pdfreaders/
und
http://www.pdfreaders.org.
Mit dem Internet ist eine Digitale Gesellschaft entstanden.
Um in ihr die traditionellen bürgerlichen Freiheiten zu erhalten und totalitäre
Herrschaftstechniken abzuwehren sind folgende Punkte zu beachten.
- Jede sollte die selbst benutzte Software verstehen können.
- Erst durch Einsicht in die Quellen ist dies prinzipiell möglich.
- Die Software wird erst damit beurteilbar und kontrollierbar statt dem
sonst geforderten blinden Vertrauen.
- Die Software wird nur so zu &quod;unserer Software&quod; insbesondere bei
Software die der Kommunikation dient und Daten übers Netz schickt.
- Auch die Werkzeuge der Software-Produktion sollten in diesem Sinne
frei sein.
Kontrolliert wird jedoch auch im Internet.
Der Suchdienst Googel stellt zwar ein nützliches
Suchportal für alles Mögliche bereit, verdient aber sein Geld mit den
Informationen aus diesen Anfragen und als lukratives etwas
verschleiertes Werbeportal. Facebook, Google Mail und Flickr sind
ähnlich strukturierte Netzanwendungen. Ebenso versucht die Branche
mit dem Cloud Computing unbemerkt an auswertbare Inhalte zu kommen so
etwa mit Ubuntu One.
Ich hab aber niemand unterstellt, dass sie sich Daten
unter den Nagel reisen wollen. Ich hab mich drauf konzentriert, dass
wir nicht die Kontrolle über die Software haben und daher nicht sehen
was passiert und die Software nicht an unsere Bedürfnisse anpassen
können. [...]
Das ist die Anschrift des FSFE Büros in Berlin:
Matthias Kirschner / Linienstr. 141 / 10115 BERLIN;
Tel.: +49-030-27595290
E-Mail: mk@fsfe.org
Page: http://www.fsfe.org
E-Mail der deutschen Section: fsfe-de@fsfeurope.org
Öffentliche Diskussionsliste: discussion@fsfeurope.org
Englischsprachige Diskussion auf: discussion@fsfeurope.org
In der anschließenden Diskussion wurde als Hindernis im kommerziellen
Bereich die angeblich schwere Kalkulierbarkeit der Kosten von
Anwenderlösungen auf der Basis von Freier Software erwähnt. Das
erscheint allerdings nur dann so, wenn man schon halb bankrott sich
nun mit Freier Software zu retten versucht. Denn Freie Software ist
bei der Ersteinrichtung kaum kostengünstiger jedoch sinkt später
erfahrungsgemäß die Kostenkurve steiler und tiefer.
Hier kannst du evtl. erwähnen, dass jede Umstellung Geld kostet, also
erst einmal Mehrkosten verursacht.
Als ein Argument gegen Freie Software wird oft der Wettbewerb angegeben.
Da Freie Software ja quelloffen wächst, schreibt man gegenseitig ab und
Wettbewerb kann kaum noch entstehen. Das hier jedoch nicht jedes Mal
das Rad neu erfunden werden braucht und so wertvolle Kreativität
verschwendet wird und so sich Freiräume ergeben für tatsächlich
qualitative Verbesserungen bleibt dabei außer Betracht. Statt der
sinnlosen kommerziellen Konkurrenz tritt so ein kooperativer
Wettbewerb um die beste Qualität. Es findet also schon Wettbewerb
statt nur eben ein wirklich sinnvoller. Gänzlich daneben und
propagandistisch ist dann auch die Behauptung Freie Software wäre
Sozialismus, wie in einem Machwerk von Microsoft gesponsert vor Jahren
behauptet wurde.
Dazu findest du auch mein Argument in dem Artikel zu Sachsen oben.
Ein anderer Diskussionsstrang drehte sich um den
Massenmarkt. Hier beherrscht Windows immer noch das Feld und Linux
bzw. Freie Software ist kaum verbreitet. Obwohl an den Unis oftmals
Installationspartys abgehalten werden, konzentriert sich auch hier der
Nutzerkreis auf die Fakultäten von Informatik und seinen technischen
Verwandten. Haupthindernis ist oftmals die geringe Unterstützung
neuester Hardware.
Das hab ich z.B. nicht gesagt!
Als Nutzer von Linux kann man nicht mal eben spontan
irgendwelche Hardware für seinen PC kaufen, sondern muss sich vordem
auf diversen Portalen in den Hardware-Listen informieren ob das
Gewünschte auch von Linux unterstützt wird oder man muss warten bis
entsprechende Treiber in der Nutzergemeinde entstanden sind. Manche
Distributionen, wie etwa Debian sind in dieser Hinsicht regelrecht
dogmatisch und akzeptieren keinerlei angebotene Treiben die nicht
quelloffen sind.
In der Diskussion gab es den Hinweis auf Mobiltelefone und den Embedded
Bereich. Dort ist Freie Software Nr. 1.
Danke für den Bericht.
Viele Grüße
Matthias
Matthias Kirschner - Fellowship Coordinator, German Coordinator
Free Software Foundation Europe (fsfe.org)
Free Software is important to you? Join today! (fsfe.org/join)
joachim
Nachtrag: Die Folien des Vortrages liegen als PDF unter:
http://wiki.attraktor.org/images/6/62/Mk-2010-12-15-fellowship-hamburg.pdf vor.
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